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Handweberei

Hausschild-Handweberei
© Eric Langerbeins/COMMWORK Werbeagentur GmbH

Sie gehören zu den letzten ihrer Art: Frauen und Männer, die einst ein Handwerk erlernten, das es heute kaum oder gar nicht mehr gibt. Diesmal haben wir im oberbayerischen AWO Inge-Gabert-Haus die Handweberin Anni Marfijewytsch getroffen.

ANNI  MARFIJEWYTSCH:

Anni-Marfijewytsch
© Eric Langerbeins/COMMWORK Werbeagentur GmbH

Noch immer träumt sie davon: Vom surrenden »Schiffchen«, wie es zwischen den Kettfäden von einer Seite des Webstuhls zur anderen durch das »Fach« geschleudert wird und mit Kawumm am Holzrahmen anschlägt.

Dieses monochrome Aufprallen der Garnspule gehört zu Annis Leben, seit sie denken kann. 1929, sie war gerade geboren, eröffnete im Nachbarhaus eine Frau aus dem fernen Berlin in Miesbach eine Weberei. Dort ging das kleine Mädchen bald ein und aus und war von dem Handwerk so begeistert, dass es nach der Schule bei der Nachbarin in die Lehre ging. »In der Berufsschule wurde extra für mich ein Webstuhl gekauft, denn ich war die einzige Handweberin unter lauter angehenden Schneiderinnen«, erinnert sich die 86-Jährige.
Sie war geschickt, ihre Probezeit wurde verkürzt. Von den 40 Mark, die es bei der Währungsreform 1948 für jede Familie gab, kaufte sie zwei Webstühle – der Grundstein ihrer Selbständigkeit. »Mir wurde irgendwann fad, deshalb machte ich mit 21 meine eigene Weberei auf. Das fand meine Chefin damals natürlich nicht schön – sie ging bald bankrott«, erzählt uns Anni Marfijewytsch, die später einen ukrainischen Bergmann heiratete.

Die entbehrungsreiche Nachkriegszeit kurbelte ihr Geschäft an, denn es fehlte an allen Ecken und Enden. Und mit dem Webstuhl konnte sie aus wenig ja viel Brauchbares machen: Geschirr‐ und Handtücher, Putzlappen, Teppiche aus Schafwolle, Windeln … »Mein Mann fuhr dann als ›Hausierer‹ mit dem Rad zu den Bauern und verkaufte die Sachen«, berichtet Frau Marfijewytsch. »Ganz früher war es sogar üblich, die ganze Aussteuer in einer Weberei in Auftrag zu geben. Die Leute reichten ihre Liste ein und holten die Sachen dann zur Hochzeit ab.«

© Eric Langerbeins/COMMWORK Werbeagentur GmbH
© Eric Langerbeins/COMMWORK Werbeagentur GmbH

Das Weberhandwerk als solches blickt auf eine lange Historie zurück. Einfache Webstühle sind bereits aus der Jungsteinzeit bekannt. Die ersten Webmaschinen waren die sogenannten Bandmühlen, mit deren Hilfe im 16. Jahrhundert Bänder hergestellt wurden. 1786 gründete der Engländer Edmond Cartwright eine Fabrik, deren Webstühle noch durch ein Göpel angetrieben wurden; ein Jahr später kam dann die Dampfmaschine zum Einsatz. Durch diese Technik wurden viele Arbeitsplätze vernichtet. Daraus resultierte 1844 der schlesische Weberaufstand, der das soziale Elend in dem niedergehenden Familienhandwerk verdeutlichte.

»Weber waren von jeher eher arm«, sagt Helga Gerischer, die Tochter von Frau Marfijewytsch. Sie arbeitet halbtags als Altenpflegerin im Miesbacher Haus der AWO und führt außerdem mit ihrem Sohn Bastian, einem Weber und Polsterer, das Geschäft der Mutter fort.

HELGA GERISCHER:

Helga-Gerischer
© Eric Langerbeins/COMMWORK Werbeagentur GmbH

»Ich lag schon als Baby im Körbchen unterm Webstuhl – heute ist die Handarbeit ein schöner Ausgleich zur Pflege.«

Besonders beliebt sind ihre bayerischen Fleckerlteppiche, die sie aus in Streifen geschnittenen Stoffresten fabriziert. »Das nennt man modernes Recycling«, so Frau Gerischer, und lacht. »Schließlich wird alles wiederverwendet. Allerdings muss der Stoff erst auf eine Spule gewickelt werden.« Oft stellen ihr die Leute aus der Umgebung Jutesäcke mit alter Kleidung vor die Tür, schreiben die Maße auf und können dann – je nach Aufwand – nach zwei bis vier Wochen den ebenso robusten wie farbenfrohen Teppich abholen – so wie früher bei Anni.

Mutter und Tochter freuen sich, dass das Interesse an der Handweberei wieder da ist. Um es weiter am Leben zu erhalten, lädt Helga Gerischer regelmäßig Vorschulkinder in ihre Werkstatt und gibt außerdem Web-Kurse im Freilichtmuseum Schliersee – das übrigens der ehemalige Skirennläufer und Olympiasieger Markus Wasmeier betreibt –, damit dieses traditionelle Handwerk auch den nachfolgenden Generationen bewahrt bleibt.


Freilichtmuseum Schliersee
Brunnbichl 5 · 83727 Schliersee/Neuhaus
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr
www.wasmeier.de

Handweberei Helga Gerischer
Schopfgraben 5 · 83714 Miesbach
Telefon Werkstatt: 08025 8357

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