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Ein Jahrhundert Leben! Jahrgang 1914

6. August 2014

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Josef Gebauer aus dem AWO Altenzentrum im nordrhein-westfälischen Weilerwist feiert seinen 100. Geburtstag mit seinen Liebsten

Am 13. Juni feierte Josef Gebauer aus dem AWO Altenzentrum im nordrhein-westfälischen Weilerswist seinen 100. Geburtstag – gemeinsam mit seinen beiden Töchtern, den zwei Enkelsöhnen sowie seiner Frau und Herzensdame Irmgard. Die große Liebe zu ihr und die guten Gebauer-Gene halten den Jubiliar bis heute körperlich und geistig fit.

Josef Gebauer aus dem AWO Altenzentrum im nordrhein-westfälischen WeilerswistWie jede Woche, so betrat Gabriele Ollig auch an diesem Mittwoch vor einem Jahr um Punkt drei Uhr das AWO Altenzentrum Weilerswist, um ihre Eltern zu besuchen. Es gehört zu ihrem Ritual, dass sie dann gemeinsam ins Caféstübchen gehen, um dort bei Kaffee und Kuchen zu klönen. Doch an jenem Tag war der Tisch bereits festlich gedeckt. Offensichtlich gab es etwas zu feiern, aber weder die Bewohner Irmgard und Josef Gebauer noch ihre Tochter kannten den Anlass: Steinerne Hochzeit?!

»Das hatte ich zuvor noch nie gehört«, sagt Frau Ollig, die im rund 35 km entfernten Köln wohnt. »Als ich am Abend nach Hause kam, schaute ich gleich in meinem Computer bei Wikipedia nach und las dort, dass man nach 67 Ehejahren die Steinerne Hochzeit begeht.« 1946 heirateten ihre Eltern in Schmalenbruch bei Hannover. Da kannten sie sich schon viele Jahre. Zum ersten Mal begegneten sich Josef und Irmgard, die beide aus Schlesien stammen, als er 15 und sie 5 war. »Verliebt haben wir uns 1940«, erinnert sich Herr Gebauer, und streichelt dabei zärtlich die Hand seiner im Rollstuhl sitzenden Frau.

»Ich war damals gerade vom Frankreich-Feldzug zurückgekehrt. Und aus der kleinen Irmgard, die mit meiner Schwester immer Kontakt hatte, war eine junge Dame geworden.«

Die Gebauers lieben sich noch immer wie am ersten TagBis heute sind die beiden innig miteinander verbunden. Als Irmgard Gebauer 2009 einen Schlaganfall erlitt, pflegte Josef sie ein Jahr zu Hause. Weitere Schlaganfälle folgten und damit der Umzug ins Altenzentrum nach Weilerswist, wo ihre jüngste Tochter wohnt, die täglich bei den Eltern vorbeischaut. »Das Haus aufzugeben, fiel meinem Vater sehr schwer«, erzählt Gabriele Ollig. »Aber meine Mutter ist inzwischen halbseitig gelähmt – die Rundumpflege war alleine nicht mehr zu schaffen.« Mittlerweile fühlen sich ihre Eltern im AWO Haus wohl.

Ihr Lieblingsplatz ist der großzügig angelegte Sinnesgarten, der in diesen Wochen ein wahres Blütenparadies ist. In der Natur fühlen sich die beiden von jeher am wohlsten. »Es gibt kein Pflänzchen, das sie nicht beim Namen kennen«, sagt Gabriele Ollig. »Dieses Wissen haben sie mir und meiner Schwester Margret weitergegeben.« Ihr Vater erinnert sich besonders gerne an die gemeinsamen Sommerurlaube in den österreichischen Bergen. »Als die Kinder noch klein waren und ich sie auf meinen Schultern tragen konnte – das waren die besten Zeiten in meinem Leben.« Auch als die Töchter aus dem Haus waren, sind er und Irmgard viel verreist.

»Er hält mir noch heute Vorträge über Länder und Städte, in denen er gewesen ist, und verblüfft mich mit seinem Wissen.«

Josef Gebauer als Vorbild seiner Tochter Gabriele OlligÜberhaupt sei ihr der Vater stets ein Vorbild gewesen. Ihr imponiere, wie er es geschafft habe, als Flüchtling aus ganz kleinen Verhältnissen nach dem Krieg zur ersten Bundeswehr-Generation zu gehören und dank seines wachen Geistes und Ehrgeizes eine Karriere als Hauptmann machte. Geprägt wurde sie von »soldatischen« Werten wie Pünktlichkeit, Disziplin und Strebsamkeit. Aber auch Emanzipation wurde in der Familie gelebt. So arbeitete etwa die Mutter bis zur Rente als Verwaltungsangestellte in Vollzeit – damals eine Seltenheit.

»Anfangs tat sich mein Vater damit schwer, aber dann war er mächtig stolz auf seine Frau«, erinnert sich Gabriele Ollig, die später den gleichen Beruf wie ihre Mutter ergriff. Besonders hoch rechnet sie ihren Eltern an, dass sie ihr nie einen Vorwurf für das Scheitern der eigenen Ehe machten. »Sie konnten zwar nicht nachvollziehen, wie man sich nach über 30 Ehejahren trennen kann, standen mir aber von Anfang an zur Seite und haben mich in dieser Zeit sehr unterstützt.«

Natürlich gab es auch in der Partnerschaft von Josef und Irmgard nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen und Phasen, in denen ihre Ehe vor sich hinplätscherte. Trotzdem: Wenn man sieht, wie liebevoll das Ehepaar jetzt im Alter miteinander umgeht, ist es ein motivierendes Beispiel, Beziehungskrisen auch mal durchzustehen. Immer wieder, auch in Momenten, in denen sich die Gebauers unbeobachtet fühlen, berühren sie sich und schauen sich dabei mit warmherzigem Blick in die Augen. Es ist ein tiefes Gefühl von Zugehörigkeit, das die beiden nun schon seit fast sieben Jahrzehnten verbindet: Sie erlebten gemeinsam den Krieg, die Flucht, eine zweite Heimat, die Gründung einer Familie, den Aufbau einer neuen Existenz, die Erziehung der gemeinsamen Kinder bei gleichzeitiger Berufstätigkeit und schließlich die Herausforderung, die die Pflegebedürftigkeit von Irmgard mit sich bringt. Für Josef Gebauer kein Grund, die Flügel hängen zu lassen. Im Gegenteil: Er freut sich, noch an der Seite seiner 10 Jahre jüngeren Frau sein zu können. Und er ist stolz, der Älteste in der Familie zu sein. »Meine Schwestern sind jung gestorben – mit 94 und 95 Jahren.«

 

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