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Wohnen zum Wohlfühlen

26. Januar 2015

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Glückliche Seniorin auf einem Canapé

Die Zeiten, in denen Seniorenheime steril wie Krankenhäuser daherkamen, sind vorbei. Längst weiß man um den positiven Einfluss von Farben, Licht und Möbeln – gerade bei älteren, pflegebedürftigen Menschen, die viel Zeit drinnen verbringen. Das AWO Journal stellt Häuser mit besonderen Raumkonzepten für eine neue Bewohner-Generation vor.

Bunt, warm und stilsicher –  das AWO Seniorenzentrum in Heusenstamm

Wenn es stimmt, dass Häuser eine Seele haben, dann hat das AWO Seniorenzentrum in Heusenstamm die einer Grande Dame. Eine, die mit viel Wärme, Geschmack und Grandezza ihre Gäste für sich einnimmt. Weiße Kommode vor lila WandSollen sich doch die anderen in Tarnfarbe zeigen und sich wegducken – in Heusenstamm hat man keine Lust, aufs Altengleis abgestellt zu werden und gängige Seniorenklischees zu erfüllen. Nein, bunt will sich das »Horst-Schmidt-Haus« präsentieren – wie das Leben der betagten Männer und Frauen, die dort einziehen. Und so griff man mutig zum Pinsel, strich das Kaminzimmer knallrot, kreierte eine Ecke in Lila, eine andere in Grün. Vor den Fenstern stehen Trimm-Dich-Räder, die für Bewegung sorgen und beim Strampeln den Blick nach daußen richten. Was exzentrisch klingen mag, kommt hier erstaunlich stilsicher daher. Das liegt vor allem an Roza Behring. Sie hat ein besonderes Händchen für Interieur. Mit dem Gespür einer »Schöner Wohnen«-Stylistin schuf die Einrichtungsleiterin verschiedene Themenwelten. Da gibt es das asiatische Arrangement mit Papierfächer, Orchideenbild und Bonsaibäumchen. Oder eine »Biedermeierecke« mit Spiegelkonsole und mintgrün bezogenen Holzstühlen.

Viele der Elemente sind Unikate, Schenkungen der Bewohner und ihrer Angehörigen. Einrichtungsleiterin Roza Behrings»Manchmal geben wir aber auch eine Zeitungsannonce auf, weil wir z. B. gezielt ein Klavier suchen«, erzählt Frau Behring und zeigt dabei auf einen Flügel, der das Mozart-Stockwerk schmückt. Jede der drei Etagen ist nämlich einem Komponisten gewidmet. So sorgen Mozart, Bach und Beethoven nicht nur für gute Schwingungen, sondern helfen den Bewohner auch, sich zurechtzufinden – ebenso wie die Bilder an den Wänden, die vom Künstlerverein Heusenstamm herrühren.

Überhaupt ist das bis ins Detail liebevoll gestaltete Wohnkonzept nur mit Unterstützung von außen realisierbar. »Unser Förderverein spielt da eine entscheidende Rolle, denn die Pflegesätze decken nur das Minimum ab – jedenfalls nicht die Kosten der Sessel in unserem Café«, sagt die studierte Gesundheitsökonomin und schmunzelt. 600 Euro hätten die gekostet. Pro Stück, wohlgemerkt. Da war Hartnäckigkeit gefragt. »Drei Stunden lang musste ich meinen Chef von der Anschaffung überzeugen«, so die gebürtige Mazedonierin, die mit der gleichen Passion und Zielstrebigkeit auf Flohmärkten unterwegs ist. »Aber es hat sich gelohnt, denn dass es bei uns besonders gemütlich zugeht, hat sich selbst in der Nachbarschaft herumgesprochen.« Das »Wiener Kaffeehaus« ist stets gut besucht – auch wegen »Omas Landkuchen«, für den die Leute sonntags sogar Schlange stehen.

AW Alfred-Delp-Altenzentrum – freundliche Atmosphäre und nettes Miteinander

Ortswechsel. »Hereinspaziert und herzlich willkommen«, so begrüßt das AWO Alfred-Delp-Altenzentrum die Besucher auf seiner Internetseite. Dort steht geschrieben, dass sich das Haus in einer ruhigen Seitenstraße befinde, eine freundliche Atmosphäre ausstrahle und die Stimmung geprägt sei vom partnerschaftlichen Miteinander. Und tatsächlich ist es so. Wer sich auf den Weg ins nordrhein-westfälische Troisdorf macht, um das Gebäude nicht nur virtuell zu erleben, fühlt sich dort auf Anhieb wohl – auch wenn derzeit das viele Grün fehlt, das sich ab Frühling wie ein frischer Anstrich um die Anlage legt. 146 Senioren und Seniorinnen – vom rüstigen Rentner bis zum demenziell Erkrankten – wohnen hier unter einem Dach.

Sie wohnen in großzügig gestalteten Gemeinschafts- und Speiseräumen und hellen Zimmern, die mit Diele, Duschbad und teils Balkon ausgestattet sind. Seit der Eröffnung 1974 wurde das Alfred-Delp-Altenzentrum stetig ausgebaut und entsprechend der jeweiligen Seniorengeneration angepasst. So gibt es inzwischen neben dem Haupthaus 28 Wohnungen für ältere Menschen, die sich noch selbständig versorgen können. Die letzte große Neuerung liegt erst ein knappes Jahr zurück: Im Februar 2014 eröffnete das »Haus Aggerblick« mit 36 vollstationären Pflegeplätzen, ein geschützter Bereich für Männer und Frauen mit starkem Weglaufdrang. »Der Bedarf an solcher Intensivbetreuung ist enorm gestiegen«, so Kornelia Schloms, die seit 18 Jahren dieses AWO Haus leitet. »Als ich hier angefangen habe, gab es hier vereinzelt Bewohner mit mittlerer bis schwerer Demenz. Heute beträgt dieser Anteil 70 bis 80 Prozent. Auf diese Situation muss man auch mit entsprechenden Baumaßnahmen reagieren.«

Landschaftsgemälde

Nach dem Erwin-Böhm-Motto »Verwirrt nicht die Verwirrten « ist der Neubau klar strukturiert und aufgeteilt auf zwei Wohnbereiche. Diese verfügen je über einen Gemeinschaftsraum mit Küche, in dem gemeinsam gekocht werden kann; daran schließt sich ein gemütliches Wohnzimmer an. Beim Gang durch die Flure fallen die hübschen Bildmotive ins Auge, die die Biografien der Bewohner widerspiegeln und ihnen Orientierung geben. Auffällig auch die vielen Kuschelecken, die wie eine Art »Aufladestation« fungieren. »Dorthin können sich die oft von großer Unruhe geplagten Senioren jederzeit zurückziehen und sind trotzdem mitten im Geschehen«, erklärt Pflegedienstleiterin Mechthild Schreckling. Ein ähnliches Prinzip gilt für die offene Küche à la Biolek, in der alle – ob aktiv oder passiv – an der Zubereitung der Speisen beteiligt sind und auch mal im Stehen oder Gehen ein Butterbrot essen können. Gerade guckt eine gepflegt aussehende, schlanke Frau neugierig in den Ofen, aus dem süßer Duft strömt. Mmh … frischer Blechkuchen!

Um das sinnliche Erleben geht es auch beim nächsten Stopp durch das »Haus Aggerblick«: das Wellnessbad im Stile eines Hotel-Spas mit gedimmtem Licht, maritimem Dekor, Pflanzen, Aromaduft und Entspannungsmusik. »Das kommt bei den Dementen gut an. Andere Dinge machen ihnen Angst – da muss man vorsichtig sein«, so die Pflegedienstleiterin auf dem Weg nach draußen. »Bei Schränken und Regalen haben sie oft das Gefühl, die Gegenstände fallen auf sie drauf.«

Wohlfühlen mit eigenen Möbeln – »Remeyerhof« Worms

Im Wormser »Remeyerhof« gehört neben der künstlerischen Raumgestaltung die Selbstmöblierung – im Verständnis der AWO ein Grundrecht – zu den wichtigen Wohlfühlfaktoren. Guido Gerdon, Leiter des »Remeyerhofs«, ermutigt Senioren, beim Einzug ihre sieben Sachen mitzunehmen – schließlich vermitteln persönliche Gegenstände ein Geborgenheits- und Heimatgefühl. Anneliese Reiß zum Beispiel hat sich ihr Zimmer in Zartrosa eingerichtet. Ihre Lieblingsfarbe prägt sogar die Lampe, die sie als junge Frau in Luzern erstanden hat und die sie stets an eine schöne Zeit erinnert. Glückliche Seniorin auf einem CanapéViel Wert auf ein heimeliges Ambiente legt auch Mitbewohnerin Elisabeth Flory: »Als ich hierherkam, bezog ich zunächst ein möbliertes Zimmer, aber richtig zu Hause fühl ich mich erst, seit mein geliebtes Canapé bei mir ist, ein über 100 Jahre altes Erbstück meines Onkels.«

Wie viele Altenheime, stammt auch das Wormser aus den 70ern und musste jüngst generalsaniert werden. »Wir haben fast fünf Jahre lang das Haus komplett auf den Kopf gestellt und es der heutigen Klientel angepasst«, so Gerdon. Mit einem Volumen von rund zwölf Millionen Euro wurde eine höchst innovative Haustechnik installiert, und es wurde unter anderem der Küchenbereich völlig neu gestaltet: Statt in einem zentralen Speisesaal nehmen die Bewohner das Essen nun in Wohnstuben ein. Und auch das Betreuungsangebot wurde konzeptionell weiterentwickelt – zugeschnitten auf die körperlichen und geistigen Bedürfnisse der Bewohner.

Ein Befürworter des ganzheitlichen Ansatzes ist Wolfgang Schinharl. Der Architekt realisierte bis zu 60 Anbauten und Sanierungen sowie rund 30 Neubauten für die AWO. Er geht sogar so weit, dass er Hospize den Häusern angliedern möchte, »um den Teufelskreis zu stoppen, den Menschen im Endstadion erleben, wenn sie zwischen Pflegeheim und Intensivstation pendeln müssen.« Schinharls Vorzeigemodell ist die Anlage in Dießen am Ammersee wegen ihres familiären Pensionscharakters. »PuppenregalVor 15 Jahren waren wir die ersten, die Wohngruppen konzipierten, in denen sich ein Dutzend Personen autark versorgen kann«, erinnert sich der Bayer, der aus Altersgründen nur noch projektbezogen arbeitet. Seiner Meinung nach ist ein breites Angebot das Beste. Keiner mag in ein Heim ziehen. Umso wichtiger sei es, mit Wohlfühloasen auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen. »Der eine möchte wie früher als Student in einer Art WG wohnen, der andere lieber anonym wie in einem Hotel.« Gerade plant er in Würzburg einen Ersatzbau für das Marie-Juchacz-Haus der AWO. Dort soll eine Art Penthouse auf das Dach gesetzt werden – mit Blick über die Weinberge. Dieses Haus wird dann die Seele eines genussfreudigen Naturburschen haben, der über den Dingen steht.

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